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Software Lokalisierung – geht Programmierer nichts an?

Der heutige Gastartikel stammt von Christian Arno Gründer und Geschäftsführer des internationalen Übersetzungsunternehmens Lingo24, das auch auf Website-Lokalisierung spezialisiert ist.

Als Programmierer sorgt man dafür, dass ein Programm funktioniert. Punkt. Die inhaltliche Komponente und das Design übernehmen andere Leute aus dem Entwicklerteam. Ist geplant, die Software auf verschieden sprachigen Märkten anzubieten und die Inhalte entsprechend zu übersetzen, so berührt das Programmiererarbeit ebenfalls wenig. Stimmt das so? Es stimmt nicht ganz! Zum einen kann der Programmierer durch seine Arbeit den Grundstein legen, um eine spätere Aufbereitung der jeweiligen Software für eine fremdsprachige Kultur (Lokalisierung) zu vereinfachen. Ist der Programmierer zugleich Besitzer seiner eigenen Softwareschmiede, so muss er zugleich das Gesamtprojekt im Auge behalten. Lokalisierung funktioniert letztlich nur, wenn alle Aspekte berücksichtigt werden: Inhalte, Design, Navigation. Ist das der Fall, verspricht sie viel Erfolg.

Internationalisierung und Lokalisierung

Bei Software, die auf verschiedenen Märkten mit unterschiedlichen Sprachen angeboten werden soll, unterscheidet man zwischen Internationalisierung und Lokalisierung. Die Definition von Internationalisierung schwankt. Wir legen hier diejenige zugrunde, die Internationalisierung als Vorstufe der Lokalisierung versteht. Das bedeutet: Durch die Internationalisierung werden die Grundlagen gelegt, um die spätere Lokalisierung, die konkrete Adaption der Software an einem bestimmten Markt, zu vereinfachen. Machen wir ein konkretes Beispiel: Wird bereits vor der Entwicklung einer neuen Software überlegt, sie später in mehreren internationalen Märkten zu vermarkten, sollte man das bei der Programmierung bereits zu Beginn berücksichtigen. Man sollte etwa weitgehend auf eine harte Codierung verzichten und Inhalte, die später übersetzt werden sollen, auslagern. Das vereinfacht eine spätere Lokalisierung deutlich.

Lokalisations-Software ist eine wichtige Hilfe

Zentrales Element jeder Lokalisierung ist die Übersetzung der sprachlichen Inhalte. Das war einst ein schwieriges Unterfangen, weil Quellcode-Dateien aufwändig nach zu übersetzenden Inhalten durchsucht werden mussten. Zugleich bestand die Gefahr, dass als Variable dienende Strings ohne weitere Änderungen im Programm übersetzt wurden, sodass sich Programmfehler ergaben. Die Lokalisierung ist allerdings durch Lokalisierungs-Software bedeutend einfacher geworden. Die ersten Tools dieser Art entstanden in den 90er Jahren. Sie hatten allerdings einen gravierenden Nachteil. Übersetzer bekamen den Text ohne Background-Informationen geliefert. Das bedeutete: Sie wussten nicht, in welchen Kontext der zu übersetzende Text eingebunden ist. Es ist wird schnell klar, dass so etwas zum Problem werden kann:

  • Hat ein Übersetzer beispielsweise das englische Wort „Copy“ vor sich und kennt den Kontext nicht, kann er das Wort sowohl ins deutsche Wort „Duplikat“ übersetzen als auch in das deutsche Verb „kopieren“.
  • Übersetzt man umgekehrt etwa das Wort „Brücke“ ins Englische, so kann die Übersetzung „bridge“ lauten. Möglicherweise ist aber auch die Stanzmaschine (engl. „beam“) oder ein elektrisches Bauteil (engl: „jumper“) gemeint. Ohne Kontextinformationen ist ein Übersetzer hier schnell hilflos.

Neue Lokalisations-Software löst dieses Problem. Mit ihnen kann der Übersetzer im WYSIWYG-Modus (what you see is what you get) arbeiten. Das erleichtert ihm die Übersetzungsarbeit ungemein, reduziert die Fehleranfälligkeit und damit auch die Kosten des gesamten Prozesses.

Zahlen und Messeinheiten

Welches Datum wird mit den Zahlen „12/11/2010“ ausgedrückt: der zwölfte November 2010? Die richtige Antwort lautet: vielleicht! Es kommt darauf an, wer diese Datumsangabe liest. Unterschiedliche Länder nutzen ein unterschiedliches Datumsformat. In den USA ist beispielsweise die Reihenfolge „Monat, Tag, Jahr“ gebräuchlich. „12/11/2010“ stünde dann für den elften Dezember 2010 und NICHT für den zwölften November desselben Jahres.

Merke: Wer Software lokalisiert, muss auch auf kleine Dinge achten. Das Datumsformat gehört da ebenso zu wie etwa Maßeinheiten. Werden Entfernungen in englischer Software in „feet“ oder „inches“ angegeben, können viele Deutsche nichts damit anfangen. Gute Lokalisierung bedeutet auch, die Benutzerfreundlichkeit einer Software beim Übertragen in einen anderen Sprachraum zu erhalten. Das ist nur gegeben, wenn im jeweiligen Land gebräuchliche Maßeinheiten bei entsprechenden Angaben genutzt werden.

Software-Lokalisierung ist eine Gesamtaufgabe

Bei alledem, was bisher genannt wurde, darf eine gelungene Software-Lokalisierung nicht stehen bleiben. Programmierer, die als Besitzer und/oder Geschäftsführer von Softwareschmieden Verantwortung für das Gesamtprojekt tragen, müssen auch Design und Navigation kritisch prüfen:

  • In arabischen Ländern wird von rechts nach links geschrieben. Dadurch verändert sich auch die Leserrichtung bei Texten innerhalb einer Software und kann Einfluss auf die Platzierung einer benutzerfreundlichen Navigation haben.
  • Chinesen mögen nicht selten weitaus poppigeres und bunteres Design als etwa Deutsche. Man könnte also überlegen, ob eine Modifizierung des Designs sich lohnen könnte. Hier müssen allerdings sorgsam der voraussichtliche Nutzen und die voraussichtlichen Kosten gegeneinander abgewogen werden.
  • Nicht jedes genutzte Symbol in einer Software wird überall verstanden. Treffen etwa Engländer in einer Software auf ein Icon mit einem stilisierten Tisch, so assoziieren sie damit den Zugriff auf eine Tabelle oder ein Tabellenkalkulations-Element. In Deutschland ist das Tischsymbol für Tabellen dagegen nahezu unbekannt. Das Icon sollte ausgetauscht werden.

Bisweilen kann es böse Folgen haben, Grafikelemente in einer lokalisierten Software zu belassen, die eigentlich geändert werden sollten. Nutzt man etwa in einer für China lokalisierten Software die taiwanesische Flagge, wird das Risiko groß, dass die Software gar nicht erst für den Markt zugelassen wird. Taiwan wird von China nicht als unabhängiger Staat akzeptiert.

Kleines Fazit

Programmierer, Redakteure, Designer – sie alle müssen in den Prozess einer gelungenen Lokalisierung einer Software eingebunden werden. Nur dann verspricht die Lokalisierung Erfolg. Ist sie erfolgreich, kann sich der Absatzmarkt der Software deutlich vergrößern. Das bietet auch kleinen Softwareschmieden Chancen.

Autor: Rene Kreupl

Bloggt über WebEntwicklung und Fotografie

1 Kommentar

  1. Und um das noch zu verdeutlichen: Lokalisierung kann extrem aufwendig sein, wenn man diese Ratschläge nicht beherzigt. Leider spüre ich das am eigenen Leib…

    Danke für die schöne Zusammenfassung

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